Ratgeberrezension: Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht

Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht  - Gerth Medien
Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht - Gerth Medien
"Faszination mit Biss: Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht" - ein Versuch, den Twilight-Hype aus christlicher Sicht zu erklären.

Die US-amerikanische Jugendbuchautorin Stephenie Meyer hat zweifelsohne ein ganz besonderes Gespür für Geschichten, die eine riesige Lesergemeinde begeistern. Das beweist sie zumindest mit ihrer herzergreifenden, mystisch anmutenden Vampir-Lovestory "Twilight". Seit im Oktober 2005 der erste Band der Twilight-Saga "Bis(s) zum Morgengrauen" auf den Markt kam, war klar, dass sich mit der bissigen Liebesturtelei so richtig Geld verdienen lässt. Innerhalb kürzester Zeit avancierte der Fantasy-Roman zu einem internationalen Bestseller. Weitere Bände folgten prompt: "Bis(s) zur Mittagsstunde", "Bis(s) zum Abendbrot", "Bis(s) zum Ende der Nacht" sowie der Spin-Off-Roman zur Twilight-Saga "Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl". Was mit einem Traum der Autorin begann, entwickelte sich zu einem wahren Kassenschlager. Die Twilight-Saga ließ den Buchmarkt so richtig boomen – und auch der Filmindustrie bescherte die Fantasystory Millionenumsätze. Doch was macht die Twilight-Saga eigentlich so unwiderstehlich? Was sind die Gründe dafür, dass selbst hartgesottene Nichtleser urplötzlich zu begeisterten Leseratten werden? Kurz: Was ist das Geheimnis der Twilight-Saga? Diesen Fragen will der Ratgeber "Faszination mit Biss: Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht" auf den Grund gehen.

Faszination mit Biss: Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht

Es ist im Grunde die Thematisierung eines alltäglichen Teenie-Problems: Eine junge Frau fühlt sich emotional zu zwei "Helden ihrer Jugend" hingezogen, doch ihr Gefühlswirrwarr kann ihr einfach keine konkrete Auskunft geben, welcher der beiden Superhelden denn nun der Richtige für sie ist. So weit, so gut. Bis hier hin ist es die Geschichte einer ganz normalen, schwer verliebten Jugendlichen, die im Liebesrausch der Gefühle gefangen ist – wäre da nicht eine winzig kleine Kleinigkeit, die bei Twilight dann aber doch anders ist: Die beiden Jungs sind nämlich so ganz und gar nicht normal. Während der eine als seelenloser, blutleerer Vampir sein Dasein fristet, verwandelt sich der andere in einen nicht ganz so kuscheligen Werwolf. Und genau hier ruft die bissige Twilight-Saga nicht nur Verständnis, sondern eben auch eine übereifrige elterliche Fürsorge auf den Plan – vermutlich zum Leidwesen vieler Jugendlicher, die sich einfach nur mit einem spannenden Fantasyroman die Zeit vertreiben wollten und sich nun ausschweifenden Grundsatzdiskussionen stellen müssen. Doch wie schon bei Harry Potter machen sich einige Eltern, vermehrt aus den sogenannten freien christlichen Reihen, Sorgen um das Seelenwohl ihrer Erwachsen werdenden Kinder, die mit derartigen Darstellungen ein verklärtes Weltbild bekommen könnten. So auch die Autorin Beth Felker Jones, die mit ihrem Ratgeber "Faszination mit Biss: Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht" ja eigentlich erörtern wollte, was die Gründe für den Twilight-Erfolg sind. Zugegeben, schon die Inhaltsangabe auf der Buchrückseite lässt erahnen, dass die Lektüre einen christlichen Touch haben könnte; doch das daraus eine Themaverfehlung wird, das wird verschwiegen. Fragen wie "Können wir von Vampiren etwas über den Sinn des Lebens erfahren?" und "Gibt es Botschaften, die kritisch hinterfragt werden sollten?" klingen vielversprechend, mutieren aber während der Lektüre innerhalb kürzester Zeit zu einer Bibelstunde der Superlative.

Faszination mit christlichem Biss – die erfolgreiche Vampir-Saga unter der Lupe einer Christin

"Was die Twilight-Saga für Christen so erschreckend macht", das wäre der weitaus bessere Buchtitel gewesen, denn genau das ist das zentrale Thema des Ratgebers. Auch wenn die Lektüre an so manchen Stellen durchaus Brauchbares liefert, das die Gehirnwindungen zumindest ansatzweise in Wallungen bringt, ist das Resümee dennoch ernüchternd: Der Leser erfährt viel über die Denke eines vermutlich freien Christen, wenig über Twilight und noch viel weniger über die Gründe, warum Twilight für viele so unwiderstehlich ist. Statt der Twilight-Faszination auf den Grund zu gehen, wird ausführlich über die widernatürliche Liebe der Twilight-Protagonisten Bella und Edward schwadroniert und auch die gläubige Mormonin und Buchautorin Stephenie Meyer bekommt ihr christliches Fett weg: Ihr wird vorgeworfen, die Idealisierung der Cullens-Familie sei eine vom mormonischen Glauben geprägte Weltanschauung, die jugendlichen Lesern ein falsches Bild der Realität vermitteln könne – dass die Cullens eine Fantasy-Roman-Vampirfamilie sind, die so oder so nichts mit der Realität zu tun haben, hat die Autorin in ihrem christlichen Schreibeifer anscheinend vergessen. Und auch an anderen Stellen scheint die Christin zu vergessen, dass die Twilight-Saga eine unterhaltsame Romanserie für Jugendliche ist – nicht mehr und nicht weniger. Da verwundert es doch, dass die Autorin sich die Twilight-Saga überhaupt einverleibt hat, wenn diese doch ach so widernatürlich ist. Regelrecht beängstigend werden die Ausführungen aber dann zum Ende des Ratgebers, denn hier bekommt der Leser eine äußerst fragwürdige Weltanschauung zu lesen, die selbst einen Pfarrer dazu bringen könnte, an seinem Glauben ernsthaft zu zweifeln: Der Mensch sei in der Sünde gefangen und könne nichts tun, um gut zu sein. Die freie Wahl zwischen Gut und Böse gäbe es nicht und negative Begierden seien ohnehin der Kern unseres Wesens, von denen wir nicht loskommen könnten. Spätestens an dieser Stelle, die nicht nur den von Gott gegebenen freien Willen infrage stellt, sondern oben drein auch noch seine Schöpfungsqualitäten – immerhin soll der Mensch ja nach seinem Ebenbild erschaffen sein –, dürfte sich so mancher Christ fragen, welche Bibelstelle er denn nun falsch verstanden hat. Im Übrigen propagiert die Autorin, Gott mit der Liebe des Genießens zu lieben und alles Andere mit der Liebe des Gebrauchens … Wie das im Konkreten aussehen soll, das erfahren zumindest all jene Leser, die sich bis ganz zum Schluss der Lektüre durchkämpfen konnten, ohne an den sich fast automatisch einstellenden ernsten Selbstzweifeln zu zerbrechen. Eine Antwort auf die Frage, was denn nun die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht, bekommen die Leser bis zum Schluss nicht geliefert. Lernen tun sie trotzdem etwas: dass man sich grundsätzlich vor Christen, die eine derartige Definitionsweise der Selbstliebe zelebrieren, in Acht nehmen sollte – das Bibelzitat "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" bekommt da eine ganz neue Bedeutung.

Beth Felker Jones: Faszination mit Biss – Was die Twilight-Saga so unwiderstehlich macht. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Elke Wiemer. GerthMedien, 2010. Taschenbuch, 224 Seiten. Euro 9,95

Simone Meier, Simone Meier

Simone Meier - Simone Meier ist freie Journalistin, Autorin und Texterin. Seit einigen Jahren betreibt sie einen erfolgreichen Presse- und ...

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