Rezension: Was zu bezweifeln war

Die Lüge von der objektiven Wissenschaft

Was zu bezweifeln war - Droemer Knaur Verlag
Was zu bezweifeln war - Droemer Knaur Verlag
Gab es den Urknall oder ist der Big Bang schlicht und ergreifend ein Mythos? Gibt es Telepathie, existieren Außerirdische und funktionieren Regentänze tatsächlich?

„Was zu bezweifeln war" ist das Werk zweier Autoren, welche die Königsdisziplin des Handwerks Schreiben mehr als beherrschen. Sie beweisen, dass sie als Physiker und Wissenschaftler durchaus wissen, worüber sie schreiben, und stellen dabei ihren Sinn für Humor unter Beweis – und der hat neben Niveau auch Tiefgang. Man könnte sagen: Die Lektüre bietet mehr als „nur" schlichtes Lesevergnügen – sie packt den Leser umfassend. Während das neuronale Netzwerk der menschlichen Gehirnwindungen auf Hochtouren läuft, um die humorvollen Einzelportionen des Genres „Wissenschaften und was steckt dahinter" in Kurz- und Langzeitgedächtnis einzuordnen, haben die Lachmuskeln mehr als nur einmal mit ihrer Fassung zu kämpfen. Liebhaber anspruchsvoller Wissenschaftslektüre, die weder staubtrocken noch trivial, aber gerne gewürzt mit einer Prise geistreichem Humor sein darf, werden „Was zu bezweifeln war" lieben.

Die Lüge von der objektiven Wissenschaft

Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel machen mit ihrem Werk „Was zu bezweifeln war" einen Streifzug durch die Wissenschaftsgeschichte. Sie ziehen ein Resümee, mit dem sie an wissenschaftlichen Grundfesten rütteln, um kurzerhand „anerkannten" Axiomen einen neuen Platz in den Reihen der noch zu falsifizierenden Thesen und Hypothesen zuzuweisen. Sie zeigen: Die Wissenschaft ist keinesfalls das, was viele von ihr glauben. Denn wer angenommen hat, dass Wissenschaftler Wert auf Objektivität legen, der glaubt auch, dass Regentänze wirkungsvoll sind – und vielleicht sind sie das ja auch. Denn, so die Lehrmeinung der beiden Autoren: „Beweisen lässt sich das sowieso nicht". Alle, die immer dachten, die Wissenschaft sei mehr als eine auf „Glauben basierende" Sammlung wertvoller Errungenschaften, die werden bereits nach wenigen Seiten dieses Wissenschaftsfundus eines Besseren belehrt.

Das Paradox eines Kleingeistes und was das Sprachzentrum damit zu tun hat

Nach der durchaus anspruchsvollen Lektüre „Was zu bezweifeln war" ist der Leser um einige Illusionen leichter und um viele Paradoxien reicher – und die haben durchaus Unterhaltungswert. Denn was ist von den Lehren eines Wissenschaftlers namens Paul Broca zu halten, der davon überzeugt war, dass helle Köpfe schwere Gehirne und Kleingeister entsprechend leichtere Gehirne haben, dessen eigenes Gehirn aber gerade einmal minimal über dem Durchschnittsgewicht lag? Eine unter metaphysischen Gesichtspunkten betrachtet interessante Frage: Broca, der Träger eines kleingeistigen Durchschnittsgehirns, determiniert seine eigenen geistigen Fähigkeiten im Vorfeld und stellt damit seine eigenen Lehren infrage. Die Lehrmeinung "Je größer das Gehirn, desto geniebehafteter der Intellekt" muss zumindest in Teilen falsch sein, denn immerhin zählte Broca zweifelsohne zu einem grandiosen Wissenschaftler. Ihm haben wir zu verdanken, dass unser Sprachzentrum nun den Namen eines selbst ernannten Kleingeistes trägt, das Broca-Areal. Die Wissenschaftler an sich sind ein lustiges Völkchen: Da gibt es jene, die an den Haaren herbeigezogene, nicht auf Erfahrung beruhende Gedankenexperimente grundsätzlich und vor allem kategorisch ablehnen und selbstverständlich auch diejenigen, welche die Wissenschaft gar nicht so eng sehen. Da kann es schon mal vorkommen, dass nur den wünschenswerten Resultaten innerhalb eines „seriösen" wissenschaftlichen Versuchs Beachtung geschenkt wird (schließlich will man Karriere machen) – und die nichtwünschenswerten Ergebnisse schnell in der Schublade mit der schönen Aufschrift „Ausreißer und Schmutzeffekte" verschwinden.

Epizykel über Epizykel – der Wissenschaft zuliebe

Eigentlich ist eine der Grundregeln der Wissenschat die, auf die einfachste wissenschaftliche Abhandlung zurückzugreifen. Um lieb gewonnene Theorien zu hegen und zu pflegen, gehört es schon fast zum guten Ton gewisser elitärer Kreise, Epizykel über Epizykel zu stapeln, nur um bereits anerkannte Weltmodelle nicht in sich zusammensacken zu lassen. Immerhin will man sich ja einen Namen machen – und ein Blick auf so manch traurige Karriere (vielleicht brillanter Wissenschaftler) zeigt: Wer in der Wissenschaft hochkommen möchte, tut gut daran, sich an die Lehrmeinung der breiten Masse zu halten, andernfalls kann einem wie Arp (Astronom) der Blick durch das Teleskop verwehrt bleiben. Denn die Urknalltheorie und damit ein wichtiges wissenschaftliches Konzept anzuzweifeln: Das bringt nicht nur das normale Weltbild, sondern auch die eine oder andere Karriereleiter ins Wanken. Und die wenigen, welche sich dennoch trauen, die gängige Meinung der Crème de la Crème anzuzweifeln, die werden schon mal bei Nobelpreisen übergangen und in Fachkreisen verspottet. Die Zeit war dann einfach noch nicht bereit für solch abstruse Thesen. Aber sie wird kommen – und mit ihr Ruhm und Ehre, ganz nach Einsteins Vorbild. Doch Ruhm und Ehre haben mit Treuegelöbnissen eher weniger am Hut. Wahrscheinlich, um nicht zu sagen ziemlich sicher, wird gerade eben kräftig an den Stühlen heute noch hochgejubelter Wissenschaftler gesägt, die schon morgen ächzend in sich zusammenbrechen: Das ist Wissenschaft, wie sie leibt und lebt.

Was zu bezweifeln war – ein Wissenschaftslehrbuch der Extraklasse

Zugegeben, die beiden Autoren, Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel, bewegen sich mit ihren Darstellungen auf sehr dünnem Eis. Hardcore-Wissenschaftler, die sich in diesem Lehrbuch bestätigt wissen wollen, werden bereits nach wenigen Seiten schäumen vor Wut: Denn es wird ihnen widersprochen, und das kräftig. Der weltoffene, interessierte Leser, der gerne auch zu Gedankenexperimenten bereit ist, wird dieses Werk lieben. Neben dem durchaus lehrreichen Streifzug durch die Wissenschaftsgeschichte dürfte es vor allem der warme, humorvolle Schreibstil sein, der selbst Lesemuffel begeistert. Wer das Werk als das anerkennen kann, was es ist, nämlich ein humorvoller Wink gegen so manch eingefahrene wissenschaftliche Lehrmeinung, dem sei die Lektüre ans Herz gelegt. Herausragend!

Hans-Dieter Radecke, Lorenz Teufel: Was zu bezweifeln war. Droemer 2010. Gebunden, Seiten 384. Euro 19,95

Simone Meier, Simone Meier

Simone Meier - Simone Meier ist freie Journalistin, Autorin und Texterin. Seit einigen Jahren betreibt sie einen erfolgreichen Presse- und ...

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